Hessische Trainer und ihre erfolgreiche Arbeit #6 Miriam Merx und Friedrich Schulze
  05.08.2020 •     U16 - erfolgreiche hessische Nachwuchsathleten , Neue Inhalte , Leistungssport


In einer neuen Serie möchten wir hessische Trainer zu Wort kommen lassen und ihre Methodiken und Philosophien vorstellen. Dies soll Einblicke in die Arbeit der vielen Trainer im Land geben und gerne auch zu weiteren Diskussionen auf dem Platz anregen. Wir wünschen uns für diese Reihe eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten und eine Diskussion auf Augenhöhe. Alle vorgestellten Wege werden individuelle Lösungen sein und es versteht sich, dass eine 1:1 Kopie der Inhalte nicht sinnvoll ist. Vielmehr sollten die Kernelemente der Methodik deutlich werden und ggf. Teile in die eigene Arbeit mit übernommen werden.

 

Im fünften Teil berichtet Miriam Merx (TV Gelnhausen) vom Training mit Friedrich Schulze. Friedrich fiel bereits im letzten Jahr im Mehrkampf und Hochsprung auf und zeigt hier bereits ein sehr hohes Niveau. So ist er im Hochsprung aktuell Deutschlands Jahresbester und blieb im ersten Neunkampf in diesem Jahr knapp unter dem Hessischen Rekord.

 

Mehrkampftraining in der U16 – das Training von Friedrich Schulze

Hallo, mein Name ist Miriam Merx und ich bin 29 Jahre alt. Seit 2007 bin ich C- Trainerin im TV Gelnhausen und betreute bis vor 2 Jahren die U14. Seither bin ich zuständig für die U16/U18 Jugendlichen im Bereich Sprint/Sprung. Vor meiner „Trainerkarriere“ war ich selbst Leichtathletin beim TV Gelnhausen und ebenfalls in Sprungbereich aktiv. Meine Leidenschaft Hochsprung konnte ich, aufgrund von Verletzungen, nicht mehr länger ausführen und hörte später mit meinem Training auf.

In meiner Gruppe trainieren aktuell ca. 6 Jugendliche im Alter von 14-18 Jahren.
Hier fing Friedrich im Hochsprung bei mir an, was sich jetzt weiter ausbaute.


Friedrich war das erste Mal im September 2018 bei uns im Training in Gelnhausen mit dem Ziel Mehrkämpfer zu werden. Das entsprechende Angebot zum Mehrkampftraining im Landkreis Fulda war nicht gegeben. Ein ungeschliffener Rohdiamant, so sah ich ihn. Technisch sehr aufnahmefähig, vielseitig und eine schnelle Umsetzung, das habe ich sofort festgestellt.
Ziel war es, seine Defizite erst einmal in Angriff zu nehmen, aber vor allem sich aneinander zu gewöhnen. Er kam von der SG Johannisberg zu uns, wo er zum Teil von seinem Papa, Dirk Klug, trainiert wurde. Das Training war sehr allgemein und nicht leistungsorientiert.
Das war für Ihn jetzt in Gelnhausen anders und neu.
Die Sommersaison 2019 verging und wir konnten an die Leistungen im Vorjahr anknüpfen und teils auch schon verbessern. Die Wettkampfbetreuung im Mehrkampf oblag zu der Zeit noch bei seinem Vater und verschiedenen Trainern.

Später folgte dann die Einladung zum Kader des HLV Bereichs Mehrkampf von Cheftrainer Philipp Schlesinger, der auch schon während der Saison Kontakt zu Friedrich aufgenommen hatte. Das war ein richtiger Erfolg.

Nun aber hieß es konzentriert weiterarbeiten und mit Vollgas ins Wintertraining.
Zuerst stellten wir das Training um, denn die vielen verschiedenen Trainer machten alles sehr kompliziert und das Wintertraining fing holprig an. Erst seit Oktober 2019 trainiert Friedrich regelmäßig und unter meiner Leitung nach Plan. Da ich selbst, wie oben geschrieben, nicht im Mehrkampfbereich tätig bin, holte ich mir Rat bei Philipp Schlesinger. In Abstimmung mit Friedrich kam dann der neue Trainingsplan zum Einsatz.

Friedrich absolviert einen sich wiederholenden zweiwöchigen Trainingsplan.
In der ersten Woche montags reines Sprint- und Schnellkrafttraining, dienstags immer Kugel und Diskus, mittwochs immer Stabhochsprung, freitags Hochsprung und verschiedene vertikale Sprungbahnen. In der zweiten Woche montags Hürdentraining und das damit verbundene Koordinationstraining, dienstags im Sommer dann Speerwurftraining, freitags Weitsprung und verschiedene horizontal ausgerichtete Trainingsinhalte.
Jeden Donnerstag sowie Sonntag hat er einen Regenerationstag. Samstags steht immer eine kleine Ausdauereinheit auf dem Plan.

Warum haben wir den Ablauf so gewählt?
So können wir im Laufe von zwei Wochen alle Mehrkampfdisziplinen einbauen und vor allem gezielt trainieren. Das ist in diesem Alter überaus wichtig, da die Technikkomponenten in einigen Disziplinen noch nicht sehr ausgereift sind und teils nur unsicher sitzen. Friedrich ist da bereits sehr gut aufgestellt. Er weist in vielen verschiedenen Disziplinen sehr große Stärken auf.
Gleichzeitig musste jedoch so viel Regeneration enthalten sein wie möglich. Friedrich wohnt in Fulda und geht dort auf die Freiherr-vom-Stein-Schule. Das bedeutet viel Zeit auf der Autobahn zu seinen Trainingsstätten (2mal Gelnhausen / 2mal Frankfurt) zu verbringen und natürlich auch der damit verbundene Stress, der Kraft und Konzentration kostet. In meinem Training lege ich großen Wert auf die Schnellkraft und das Sprinttraining. So gut es geht ist in jedem Block eine kleine „Sprinteinheit“ enthalten. Ich finde es wichtig, denn egal ob Kugelstoßer, Hochspringer oder Hürdenläufer, das Sprint- bzw. Schnellkrafttraining ist das A und O in der Leichtathletik.


Kommentar von Philipp Schlesinger (Cheftrainer Mehrkampf im HLV)

Friedrich bringt für sein Alter ein sehr hohes Grundniveau mit. Er ist breit aufgestellt und hat eine gute Grundausbildung in den technischen Disziplinen erhalten. Hervorzuheben ist insbesondere sein gutes Gefühl in allen Wurf- und Sprungdisziplinen. Er besitzt eine schnelle Auffassungsgabe und ist in der Lage Veränderungen in komplexen Bewegungen schnell abzurufen.

Für sein Alter imponiert er mit einer beträchtlichen Größe und hervorragenden Hebeln, dabei ist er ansonsten keineswegs akzeleriert. Im Test-Wettkampf Anfang Juli konnte er bereits hervorragende Leistungen realisieren und weitere Entwicklungen andeuten.

In Gelnhausen ist er mittlerweile ausschließlich in der Betreuung von Miriam Merx. Das Training hat einen Sprint-/Sprung-Schwerpunkt, dabei wird aber weiter Wert auf allgemeine Inhalte gelegt. Es ist wichtig grundsätzlich klare Verantwortlichkeiten und Ansprechpartner zu benennen.  Friedrich hat sich in diesem Jahr, trotz aller Einschränkungen, sehr gut entwickelt.

Aus meiner Sicht funktioniert die Trainingsarbeit in Gelnhausen sehr gut. Wir setzen in den Einheiten in Frankfurt den Schwerpunkt auf die Würfe und den Stabhochsprung und ergänzen somit das Heimtraining nahtlos. Mit solchen Konstrukten lässt sich immer ein Mehrkampftraining organisieren, sollten die zeitlichen Kapazitäten im Heimtraining nicht ausreichen.

Friedrich muss aktuell viel Fahrzeit investieren, hier gilt es für die Zukunft noch effektiver zu agieren. Mittlerweile konnte mit Michael Franz, wohnortnah in Fulda eine sehr gute physiotherapeutische Versorgung realisiert werden.

Zukünftig gilt es weiter an den Schwerpunkdisziplinen Stabhochsprung, Hürde und Diskus zu arbeiten, sowie die Voraussetzungen für die spezielleren Belastungen im Aufbautraining zu schaffen.


Aber zu einem guten Training gehört auch die Gesundheit des Athleten. Eine ausgewogene Ernährung und eine Physiotherapeutische Begleitung darf keinesfalls außer Acht gelassen werden. 

Obwohl noch so jung, mit erst 14 Jahren, hat Friedrich bereits beeindruckende Leistungen gezeigt. Zuletzt in der Hallensaison 19/20, in der er 1,90m im Hochsprung übersprang und die Hessischen Meisterschaften der U18 gewann. Ein Überblick seiner vorherigen und aktuellen Bestleistungen habe ich in einer kleinen Tabelle nochmal zusammenstellt. Wir freuen uns auf die gemeinsame weitere Zeit und schauen was die Zukunft (auch nach Corona) uns noch bringt.

Miriam Merx